Järgmine peatus: Tartu! – Ein Tag zwischen Street Art und seufzenden Büchern

Willkommen in Estland!

5G-WLAN im Zug – ohne Unterbrüche. Verständliche Durchsagen auf Englisch. Und: Estnisch klingt wunderschön und melodisch. Ich muss alles nachplappern: Järgmine peatus: Tartu. Das „Tartu“ wird übrigens wie im Schweizer Dialekt betont – mit Fokus auf der ersten Silbe und rollendem R.
Einzig die Sitzplatzreservation musste ich noch per E-Mail vornehmen. Die letzte Meile der Bahn-Digitalisierung ist also noch nicht ganz erreicht. Vielleicht liegt’s daran, dass Interrail-Reisende eine zu kleine Nutzergruppe sind. Immerhin: Ich habe im Zug eine Interrail-Kollegin kennengelernt – natürlich eine Schweizerin. Unsere nicht-repräsentative Einschätzung: Die meisten ÖV-Touristen im Baltikum sind mit dem Bus unterwegs, Interrail wird wenig genutzt (obwohl es im Fall wirklich eifach isch!)

Tartu ist eine Studentenstadt.
Schon am Bahnhof fühle ich mich doppelt so alt wie alle anderen. Und bin gleichzeitig wohl die Einzige, die zu Fuss ins Zentrum läuft – der Rest steigt in den Bus.

Ich erklimme den Uni-Hügel, entdecke erste Street-Art-Werke und beginne ein kleines Spiel: Meine Unterkunft finde ich nur mithilfe eines Telefonjokers – mein Host hat vergessen, die Check-in-Infos zu senden. Aber ich bin mittlerweile so tiefenentspannt und vertraue den baltischen Ländern so sehr, dass ich mir keine Sekunde Sorgen mache.

Die Tage hier im Norden sind lang – Sonnenuntergang erst gegen 22 Uhr. Also ziehe ich los, um die Street Art zu erkunden, für die Tartu bekannt ist. Dank dem Status als Europäische Kulturhauptstadt 2024 ist vieles gut dokumentiert (👉 umfassend Street Art Map). Ich bleibe in der Region rund um die Flaniermeile und die stilvolle Altstadt – denn ich will auch noch ins Universitätsmuseum. Warum genau, weiss ich nicht mehr – ich habe irgendwo gehört, es solle gut sein. Eine Stunde wird reichen, denke ich. Spoiler: Zu wenig.

Bereits auf der Toilette im Museum die erste Überraschung: ein Witz – auf Estnisch und Englisch. Das Museum ist eine wahre Schatzkiste. Man kann auf Bücherregale klettern, in Standuhren spähen, Bücher öffnen. Alles atmet, hustet, interagiert. Dazu viele spannende Einblicke in die Geschichte Tartus, die Bedeutung von Wissenschaft, und interdisziplinäre Perspektiven auf Wissen.

Beispiel gefällig? DNA- und Isotopenanalysen an Knochen zeigen, wer in Tartu lebte und in welchem Verhältnis – kulturell wie sozial. Menschen deutscher Abstammung bildeten die Elite, estnische stammten meist aus bäuerlichen Verhältnissen.
Oder: vier verschiedene Fachbereiche, vier Definitionen von „Ei“. Kulturwissenschaft, Kunst, Genetik, Ingenieurskunst – jede mit ihrer eigenen Wahrheit. Umso überraschender, was Sprache alles ermöglicht. Ich kann immerhin durch sieben Länder reisen, komme meist pünktlich an – auch wenn ich gelegentlich meine eigene Definition von „Bahnhof erreicht“ nachjustieren muss. (In der Slowakei z. B. kann es sein, dass es weder Durchsagen noch erkennbare Bahnhofsähnliche-Infrastruktur gibt. Also: Umweg.)

Einige Geschichten halte ich zunächst für erfunden – etwa dass die estnische Flagge auf die Studentenfahne zurückgeht. Aber diese Version höre ich auch in Tallinn. Da scheint also was dran zu sein.

Und dann sind da noch die Türme des Doms zu Tartu, die im Museumseintritt inbegriffen sind. Von oben gibt’s einen wunderbaren Blick über Stadt und Umland – zumindest bei gutem Wetter. Bei mir: eher nicht.


Fun Facts

  • Öffnungszeiten auf Estnisch: E–L 10–21, P 10–19. Little help for our non-estonian friends?!
  • Rüütli-Straße: Eine der ältesten Strassen Tartus. Das Schild zu Ehren von Konrad Mägi lässt mich fast helvetische Bezüge vermuten. Aber falsch gedacht: Mägi war ein bedeutender estnischer Maler. „Rüütli“ bedeutet Ritter. Jetzt frage ich mich nur noch: Warum heisst das Schweizer „Rütli“ eigentlich Rütli?
  • Lust auf einen Eindruck, wie Estnisch klingt? 👉Hüvasti von Ivar Grünthal

Exkurs: Die estnische Sprache – gesprochen wie geschrieben


Die estnische Sprache war lange Zeit eine rein mündliche Sprache. Erst mit der Christianisierung und der Ankunft deutscher Geistlicher im 16. Jahrhundert begann man, sie zu verschriftlichen.

Diese Geistlichen wollten die religiösen Inhalte nicht nur predigen, sondern auch schriftlich festhalten und weitergeben– etwa an andere Brüder im Dienst. Dafür nutzten sie das, was ihnen zur Verfügung stand: die lateinische Schrift, angepasst an die estnische Lautstruktur.

Das Ergebnis: Estnisch wird nahezu lautgetreu geschrieben – so wie man es spricht. Zumindest für uns Deutschsprachige relativ einfach, die Englischen Touristen haben da mehr Mühe 🙂

Estnisch gehört zur finnougrischen Sprachfamilie – und ist damit nicht mit den indoeuropäischen Sprachen verwandt. Statt mit Deutsch oder Russisch, oder den anderen baltischen Sprachen ist Estnisch also enger mit dem Finnischen (und entfernter mit dem Ungarischen) verwandt.

Fazit

Der Zwischenstopp auf dem Weg nach Tallinn hat sich gelohnt – besonders, wenn man Street Art mag, gerne Museen entdeckt oder eine Reise zurück in seine Studentenzeit machen will.

P.S. Milleks see kiire, mis kuluugi ei vil? = Wozu diese Eile die zu nichts führt? , sagt Henry David Thoreau, die Schnecke

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