Tere Tallinn!
Aussteigen aus dem Zug – und man fühlt sich wie mitten in einem Dorf. Kein wuchtiger Bahnhof, der die Sicht versperrt. Stattdessen: ein offener Platz, und auf der einen Seite lacht mir eine mit Blumen geschmückte Markthalle entgegen. Genau in diese Richtung führt mich auch mein Weg – zu meinem Zuhause für die nächsten Tage, ins Kreativquartier Telliskivi. Untergebracht in einem estnischen Holzhaus.
Mein erster Erkundungsgang führt nicht weit: Im umgebauten Fabrikareal lacht mich eine Gartenbeiz an. Dazu das Kunstprojekt – eine junge Frau, die in der Yoga-Position des Kindes in einem Iglu ruht. Tage später frage ich mich noch immer: War sie nicht doch echt?
Wohlgestärkt erkunde ich die Altstadt. Die obere Altstadt versetzt mich zurück ins Mittelalter: enge Gässchen, Kopfsteinpflaster, Burgmauern. Aussichtsplattformen geben den Blick auf die Stadt frei. Aha – es gibt sie doch, die glänzenden Hochhäuser. Hinter der unteren Altstadt ragen sie auf, funkelnd. Irgendwo müssen sich ja die ganzen IT- und Fintech-Unternehmen verstecken.
Die Oberstadt (Toompea), der Domberg, war lange das Machtzentrum der Deutsch-Balten und Sitz des Adels. Die Unterstadt (All-linn) gehörte der Hanse – ein Ort für Kaufleute, Handwerker und Bürger. Sie hatten sogar unterschiedliche Gesetze, Währungen und Verwaltungen. Diese Trennung bestand vom 13. Jahrhundert bis 1877, als das Russische Zarenreich im Zuge einer Verwaltungsreform beide Teile zu einer einzigen Stadt zusammenführte.
An das deutsche Erbe erinnern die Namen der Türme (z. B. der Lange Hermann – Teil der Stadtmauer und heute Parlamentssitz) oder der Stolz auf das angeblich beste Marzipan der Welt (Lübecker Stadtrecht sei Dank?!, erhältlich im Café Maiasmokk – Tipp eines Einheimischen).
Ein Blick zurück in die Geschichte
Tallinn ist eine Stadt voller Geschichten. Zum Beispiel: Im Jahr 1219 soll die dänische Flagge, die Dannebrog, vom Himmel gefallen sein – genau in dem Moment, als die dänischen Eroberer in der Schlacht von Lyndanisse fast besiegt waren. Heute erinnert ein Denkmal an diesen historischen Ort. Damit begann die erste dänische Herrschaft – bis Tallinn 1346 an deutsche Kreuzritter aus Riga verkauft wurde (die Esten waren nur schwer zu christianisieren, und Holz gab’s auch anderswo). 1561 kam der Livländische Krieg: Iwan der Schreckliche gegen die Deutschen – bis schließlich die Schweden kamen und die anderen vertrieben. Auch wenn nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen war, gelten die Schweden bis heute als „the good old Swedish“. Ihnen verdankt Estland übrigens die erste Universität (Tartu, 1632) – allerdings nicht für Esten, sondern für Schweden, Deutsche und Russen.
Dannebrog
Es folgte eine lange Zeit als Teil des Russischen Kaiserreichs (1710–1918). Dann, Trommelwirbel: Die erste Unabhängigkeitserklärung am 24. Februar 1918. Allerdings marschierten schon am nächsten Tag die Deutschen ein – wenig Zeit für Staatenbildung also. Nach dem Abzug der Deutschen geriet Estland im Zweiten Weltkrieg erneut zwischen die Fronten zweier totalitärer Regime: 1940 besetzte die Sowjetunion das Land im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts. Es folgten Enteignung, Deportationen, Gewalt. 1941 marschierte die deutsche Wehrmacht ein – anstelle der erhofften Befreiung wurde Estland Teil des nationalsozialistischen Reichskommissariats Ostland. Zwangsarbeit, Verfolgung und der fast vollständige Mord an der jüdischen Bevölkerung folgten. 1944 kehrte die Rote Armee zurück – und die Sowjetunion erklärte, Estland habe sich „freiwillig“ angeschlossen.
1991 wurde Estland zum zweiten Mal unabhängig – während die anderen beiden baltischen Staaten dafür kämpften wählten sie den friedlichen, dafür langsameren Weg.
Estland war lange das Fenster zum Westen – das finnische Fernseh- und Radioprogramm konnte teils empfangen werden. Eine kollektive Erinnerung an die 70er Jahre: Die Übertragung eines französischen Erotikfilms, für den sogar die Russen aus Leningrad (heute St. Petersburg) angereist sein sollen. Frühe From des Public Viewing?!
Zwischen Grenzziehung, Integration und Humor
Estland hat einen hohen Anteil russischsprachiger Bevölkerung, die sich oft als Esten versteht. In Tallinn sprechen fast 40 % Russisch als erste Sprache; der amtierende Bürgermeister gehört zu dieser Minderheit. In Narva, der Grenzstadt zu Russland, sind es sogar über 90 %. Viele dieser Menschen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt, als die Sowjetunion die estnische Bevölkerung deportierte und durch russische Bevölkerung ersetzte.
Estland setzt auf einen integrativen Weg mit klaren Regeln: Wer einen estnischen Pass will, muss die Sprache beherrschen. In den Schulen ist Estnisch die Unterrichtssprache – Russisch oft die erste Fremdsprache. Estland sucht den Gewaltfreien weg (wie bei ihrem Weg in die Unabhängigkeit von der Sowjetunion), bekennt aber Position: Estland investiert stark in Militärpräsenz und Energiesouveränität: Als erstes EU-Land stoppte es im April 2022 vollständig den Import von russischem Gas.
Konflikte bleiben nicht aus. 2007 etwa beschloss Estland, den Bronzesoldaten (Denkmal für die „Befreiung“ Tallinns) von seinem zentralen Standort auf einen Soldatenfriedhof zu verlegen. Das führte zu Protesten der russischsprachigen Bevölkerung und diplomatischen Spannungen mit Russland. Russland reagierte mit Cyberangriffen auf Regierung, Finanz- und Medienseiten – eine Zäsur, aus der Estland gelernt hat. Heute gilt das Land als Vorreiter in Cybersecurity, und IT und Technologie sind tragende Säulen der estnischen Wirtschaft – ein deutlicher Bruch mit der Vergangenheit von Landwirtschaft, Schieferminen und Handel.
Der Konflikt um den Bronzesoldaten inspirierte auch die Künstlerin Kristina Norman: Sie plante eine versöhnliche Dokumentation, die russischen und estnischen Medien eine Stimme geben sollte. Doch angesichts der Eskalation entschied sie sich für einen Perspektivwechsel – und zeigte die Absurdität der Lage. Humor wirkt entwaffnend. Ihr Werk ist im Museum für Moderne Kunst zu sehen.
Guilt and Complicity
Ein weiteres Thema: der Umgang mit Nationalhelden, die im Licht der Geschichte nicht mehr so glanzvoll dastehen. Ein Beispiel ist Juhan Smuul: Statt das Denkmal abzureissen, wurde ein Zusatzschild mit QR-Code angebracht: „The dark side of Juhan Smuul’s story“ – für mehr Kontext und kritische Reflexion.
Places to visit
- Kalamaja: Bohemian & trendy – mit alten Werften, hippen Bars, Wasserflugzeughafen und Eisbrechern
- Altstadt: verwinkelte Gässchen, „hidden gems“ wie die älteste Apotheke Nordeuropas
- Maiasmokk: bestes Marzipan (laut Einheimischen)
- Fotografiska Museum: freitags mit DJ – Feldstudie estnischer Modetrends inklusive
- KUMU (Museum für Moderne Kunst): architektonisches Highlight inkl. Spaziergang durch wunderschöne Parkanlage, u. a. gerade Ausstellung von Ragnar Kjartansson, isländisches Exportgut
- Telliskivi Quartier mit Markthalle: Buchläden, kleine Shops, Sttreetfood: Alles was das Herz begehrt
- Aegviidu: grüne Oase mit Moorpfaden, Wäldern, Seen – im Winter ein Langlaufparadies
Fun Facts
- Estland hat zwei Nationalfeiertage:
- 24. Februar: Tag der Unabhängigkeit (Iseseisvuspäev)
- August: Tag der Wiederherstellung der Unabhängigkeit (Taasiseseisvumispäev)
- 24. Februar: Tag der Unabhängigkeit (Iseseisvuspäev)
- Woran erkennt man die älteren Türme in der Stadtmauer? Eckig = vor der Zeit der Kanonen, rund = ab Kanonenzeit (rund hält besser!)
- Verzweigtes Tunnelsystem unter der Altstadt: ein Zufluchtsort für Punks während der Sowjetischen Besetzung– die sowjetischen Truppen mieden die feuchten, rattenverseuchten Gänge.
- Umgang mit Zensur: Ein Gemälde der Bombardierung Tallinns wurde kurzerhand zu „Bombing of Dresden“umbenannt – offiziell hat die Sowjetunion Tallinn nie bombardiert… verstehst?
P.S. «Tere» heisst Hallo, und gilt als Gruss unabhängig von Bekanntheitsgrad oder Tageszeit
P.P.S. Walking the History through the eyes of the Estonians: Mit dem «Path of History» erzählt das historische Museum die Geschichte Estlands – von 10500 vor Christus bis 2418. Zeigt ihr Selbstverständnis 🤓 (zu begehen in der Börsi kaik, richtig, der Stock Exchange passageä)
ca 10500 BC End of Ice Age in Estonia
ca 9000. BC First signs of human. settlement in Estonia
ca 3500 BC: Beginning of agriculture in Estonia
ca 3000 BC oldest settlement established in present day Tallinn
ca 1500 BC A meteorite landed in Kaali, Saaremaa
ca 1000 the largest Estonian stronghold built in Varbola
ca 1030 First Mention of Tartu in written sources
1154 Estonia First appeard on a world map
1208-1227 The Crusades to Estonia
1219 The Danish Falg – The Dannebrog – created in Tallinn
1248 Lübeck Law implented in Tallinn
1343 St. Georg’s Night uprising
1410 The great Guild Hall in Tallinn completed
1523 Beginning of the Lutheran Reformation in Estonia
1525 First book printed in the Estonian language
1558 – 1629 Period of wars
1632 University of Tartu founded
1700 – 1721 The Great Northern War
1739 The Bible published in Estonian for the first time
1816/1819 Serfdom abloished in Estonia
1858 The National Epic «Kalevipoeg» published for the first time
1869 First National Song Festival held
1870 The Raliway from Paldiski to St. Petersburg opened
1882 Electricity introduced in Tallinn
1896 1st public screening in Tallinn
1905 The 1905 Revolution
1906 The first national proefssional theatre, Vanemuine, opened
1914-1918 WW 1
1918 The Rebulic of Estonia proclaimed
1918 – 1920 The Estonian war of independance
1924 The first radio broadcast in Estonia
1939 -1945 WW 2
1940 – 1991 Estonia under Occupations
1955 Estonian television began broadcasting
1989 The Baltic Way – Human chain linking three states
1991 Estonian Independance restored
1997 Old Town of Tallinn added t othe UNESCO World Heritage List
2004 Estonia joined the European Union
2011 Tallinn is the European Capital of Culture
2136 Annular Solar Eclipse in Estonia
2384 Estonian Song festival to be held for the 100th time
2418 Rebulic of Estonia celebrates it’s 500th anniversary






































Tallinn hieß übrigens früher Reval zur Zeit des deutschen Ordens. Wohl bis in 20. Jahrhundert rein.