🇫🇮 Helsinki – Saunen, Sarkasmus und die glĂĽcklichste Gesellschaft der Welt

Ankunft im Hafen nach zweistündiger Überfahrt von Tallinn. Topmodernes Terminal, lange Rolltreppen – und keine Chance, sich zu verlaufen, es gibt nur einen Weg aus dem Hafen hinaus. Rucksack schultern und los, hinein ins Stadtzentrum. Alles sehr entspannt hier: Rollkoffer-ziehende Einheimische, quietschende Drämmli (die für einmal nicht so aussehen wie bei uns) und joggende Frauengruppen. Eine Ausstellung zu Kunst aus Malware? Warum nicht. Der erste Eindruck: offen, überraschend, ein wenig eigenwillig.

Solide Steinhäuser mit verschnörkelten Fassaden, breite Strassen mit Grünstreifen, Jung und Alt unterwegs. Beim ersten Spaziergang durch die Altstadt fällt der imperialistische Charakter auf. Der Dom thront auf einer Anhöhe und dominiert den Senatsplatz, die grüne Esplanade mit Springbrunnen und Open-Air-Bühne haucht ein wenig Paris-Flair ein. Die Parkbänke sind gut besetzt – kein Wunder, bei diesem fantastischen Wetter.
Gleich daneben der Marktplatz mit duftenden Erdbeeren und Foodständen, dazu der Hafen mit Fährbussen und Touristenbooten. Und dahinter die alte Markthalle – ein weiterer Ort für Foodies.
Von hier sieht man auch schön die russisch-orthodoxe Uspenski-Kathedrale – wenn nicht gerade der weisse Marmorbau (genannt „Zuckerhaus“) von Stararchitekt Alvar Aalto sie verdeckt. (Fun Fact: Angeblich der grösste Fehlbau in Sachen Materialwahl – italienischer Marmor und der finnische Winter vertragen sich schlecht. Die Fassade zu erhalten, kostet jährlich rund eine Million Euro.)

Beim Besuch der Oodi-Bibliothek wird mir klar, woher mein leises Störgefühl kommt: Die Stadt wirkt auf mich anfangs ein wenig abweisend – die Steinfassaden, grossen Kaufhäuser, modernen Glasbauten.
Doch dieses Gefühl verfliegt sofort, als wir die Bibliothek betreten: Lebensgefühl und Gemeinschaft pur. Schachspieler:innen im Erdgeschoss, junge Familien, Teenager, ältere Menschen. Dazu viel Holz, weiche, wellenartige Formen, Filzsessel (was für ein Design!). Im lichtdurchfluteten dritten Stock lümmeln Menschen in Socken, schmökern in Büchern, spielen Brettspiele, essen Kuchen – oder sind einfach da. Gemütlichkeit in Reinform.
Man trifft sich gerne zum gemeinsamen Kulturgenuss: Es gibt auffallend viele Kinos, gut besuchte Buchhandlungen (natürlich mit Cafés) und geheizte Strassen, damit der Verkehr auch im Winter fliesst.

Helsinki ist eine Stadt der Kontraste: Die Altstadt mit repräsentativen Bauten (oft während der russischen Grossmachtzeit vom deutschen Architekten Engel geplant), nahtloser Übergang in moderne Glasgebäude, die endloses Shoppingvergnügen versprechen. Und das grösste Jugendstilquartier Europas – hier wohnen die wichtigen Menschen Finnlands.
Nicht fehlen darf die öffentliche Sauna am Meer, mit direktem Zugang zum Wasser zum Abkühlen. Und die langen Flaniermeilen entlang des Wassers, mit Beizen, so weit das Auge reicht.


Sehenswert

  • Oodi: Zentralbibliothek, eröffnet 2017 zum 100. Jubiläum der Unabhängigkeit Finnlands – Treffpunkt fĂĽr alle Generationen.
  • Bahnhof & Bahnhofshalle: inkl. Statuen, die je nach Anlass auch mal verkleidet werden.
  • Ausflug auf Suomenlinna: Schäreninselparadies und historische Festung.
  • Felsenkirche (Temppeliaukio-Kirche): spektakuläre Architektur mit tonnenweise Kupfer; als Kontrast dazu die Kapelle des Schweigens aus Holz – sie schluckt wirklich jedes Geräusch der Stadt.
  • Amos Rex: Kunstmuseum mit bullaugenartigen Oberlichtern; aktuell Ausstellung Expanding Empathies von Enni-Kukka Tuomala.
  • HAM – Helsinki Art Museum: Sonderausstellung zu Tove Jansson anlässlich des 80. Geburtstags der Mumins.
  • Kiasma: Museum fĂĽr zeitgenössische Kunst, beeindruckende Architektur mit schwebenden MolekĂĽlen und ulkigen Exponaten.

Fun Facts

  • Finnland hat mehr Saunen als Autos – sogar das Parlament hat eine.
  • Der Molotowcocktail wurde in Finnland erfunden – aus purem Sarkasmus: Als die Sowjets im Winterkrieg 1939 Bomben abwarfen, nannte Molotow sie „Brotkörbe“. Die Finnen lieferten das „Getränk“ dazu: brennende Flaschen gegen Panzer.
  • Realismus trifft Pragmatismus: Helsinki hat ĂĽber 5’500 Bunker, die als Eishallen, Klettergärten oder Schwimmhallen genutzt werden – gerade im Winter sehr beliebt.
  • Egalitäre Gesellschaft:
    • Finnland ist Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung: Bereits 1906 erhielten finnische Frauen das Wahlrecht.
    • Jedes Jahr am 1. November, dem „Nationalen Tag der Eifersucht“, wird das steuerpflichtige Einkommen aller BĂĽrger:innen veröffentlicht. Wer an der Spitze der Steuerrangliste steht, wird als Beitragende:r zur Gesellschaft gefeiert.

đź’ˇ Wer mehr ĂĽber Finnlands Weg zur glĂĽcklichsten Nation der Welt und die gesellschaftlichen Weichenstellungen erfahren will (und dass es weiterhin kontinuierliche Anstrengungen braucht), dem sei das Buch Finntopia von Dany Dorling empfohlen, oder in Kurzversion dieses Video

P.S. Finnisch hat zwar 15 Fälle, dafür ist Hallo und Tschüss sehr einfach:
Moi = Hallo
Moi Moi = TschĂĽss

Finnischkurs Lektion 1 👍

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