Bratislava, Schönheit auf den zweiten Blick

25.–27. April

Ankommen in Bratislava.
Ankommen ist einfach: Der Bahnhof, an dem die Züge aus Wien ankommen, ist übersichtlich. Google Maps hilft mir, den richtigen Bus zu finden. Da es regnet, verzichte ich auf einen ausgedehnten Spaziergang.

Mein erster Eindruck: Baustellen, moderne Bürogebäude und Läden, neue Trottoirs und Tramhaltestellen – dazwischen alt-sowjetischer Charme und ein zerbombtes Ambulanzauto, das als Spende in die Ukraine geschickt worden war. Die Autos auf den Strassen stehen denen in der Schweiz um nichts nach: gross, neu, teuer. (Später erfahre ich, dass die Automobilindustrie einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Slowakei ist – günstige Arbeitskräfte, keine starken Gewerkschaften, erzählt mir eine Einheimische. Die Zukunftsperspektive bleibt unklar, wie so vieles hier.)

In der Altstadt treffen sich feuchtfröhliche Gruppen zum Junggesellenabschied, die zahlreichen Pubs und Bars sind bestens auf sie eingestellt. Vom Turm des Stadtmuseums aus geniesse ich einen ersten Überblick: Altstadt, Burg, imposante Kirchen und Türme. So richtig warm werde ich mit der Stadt noch nicht – vielleicht liegt es am kalten Wind und Nieselregen. Also gönne ich mir ein typisch slowakisches Abendessen: Knoblauchsuppe und Pierogi, die mich auf meiner weiteren Reise als «nationale Spezialitäten» bis Finnland begleiten werden. Fein sind sie jedenfalls.

Tag zwei: Neues Licht auf die Stadt.
Der Regen lässt nach. Ich starte mit einem Spaziergang entlang der Donau durch das moderne Bratislava. Hier joggen, flanieren und picknicken die Einheimischen, während Kreuzfahrtschiffe aus Basel anlegen.

Wendepunkt – Ein Gruss von Mani Matters Coiffeur.

Im Palais Pálffy – der Bratislava City Gallery – stolpere ich nach frostigem Empfang instruiert von verschiedenen Angestellten zunächst in den Keller: keltische Münzsammlung, fossile Artefakte und Kunstinstallationen, leere Kellerräume. Erst fürchte ich, im falschen Museum gelandet zu sein. Doch höflich wie ich bin (und da ich anscheinend die einzige Besucherin bin), steige ich artig in den nächsten Stock – und öffne für mich die Tür zu Bratislava.

Die aktuelle Ausstellung «Sediments of the World» berührt mich. Besonders der verspiegelte Gang zwischen zahllosen Büchern: zuerst ein mulmiges Gefühl auf dem schmalen Band, dann eine magische Unendlichkeit. Oben, unten, Vergangenheit, Zukunft – alles verschwimmt. Das Wissen was vor uns liegt, ist auch das Wissen aus der Vergangenheit. Quasi das, was ChatGPT macht: Geschriebener Text neu kombinieren!

Plötzlich tauen auch die Mitarbeitenden auf und lächeln – das gemeinsame Spiel mit der Spiegelillusion verbindet.

Vsetko je inak – Everything is different.
Gleiche Buchtitel – anderer Inhalt: Der Titel suggeriert sofort Bekanntes: Ah ja, das Buch kenn ich! Dabei sind es verschiedene Geschichten. Die gestappelten Bücher lesen sich wie ein Mantra – Everything is different, everything is different…. Der Künstler Gabriel Hosovsky glaubt: «The world may be different than we imagine.»
Überhaupt interessant, wie unterschiedlich wir Dinge wahrnehmen: Je nach Wetter, Gestimmtheit, Blutzuckerspiegel… und trotzdem erliegen wir regelmässig der Illusion, eine objektive Realität zu haben, die erst noch mit der von anderen übereinstimmt!

«Time not only alters the value of objects, but also their story.»
Sozialistische Haushaltsgeräte – sind sie kubistisch schön oder Symbol erzwungener Gleichmacherei? Artefakte als Zeitträger – vielleicht einer der Gründe, warum Museen (und Reisen 🙂 ) wichtig sind: Sie bewahren und vermitteln Schichten von Geschichte.

Einblick in eine bewegte Geschichte.
Auf einer Stadtführung höre ich die persönliche Geschichte unserer Guide: Mit 13 Jahren demonstrierte sie 1989 für die Unabhängigkeit der Slowakei. Dankbar sei sie für die Befreiung von den Nazis durch die Sowjetunion, doch auch geprägt von der späteren kommunistischen Unterdrückung. 1968 endete der Versuch einen humaneren Kommunismus einzuführen abrupt mit dem Einmarsch der Roten Armee.
Heute wiederholt sich vieles: Die Slowakei folgt dem autoritären Vorbild Ungarns. Viele Menschen glauben Verschwörungstheorien, die Slowaken liegen da auf Platz 1 im internationalen Vergleich, erklärt sie uns. Der Dunning-Kruger-Effekt – mangelnde Kompetenz gepaart mit Selbstüberschätzung – präge auch die Politik. Die Enttäuschung über den Rückschritt in der Demokratie ist greifbar. Sie stehe wieder wie in ihrer Jugend auf dem gleichen Platz und demonstriere für demokratische Werte. Danaben reise so viel wie möglich, um der aussichtslosen Situation zu entfliehen, und jedesmal wieder unsanft in der Realität zu landen, wenn sie zurückkehre. (Einmal mehr: Funktionierende Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern harte Arbeit und laaaaange Übung, erscheint es mir…)

Und doch bleibt die Schönheit:
Ungarische, deutsche und slowakische Einflüsse prägen die Stadt, wie die Apotheke Salvator zeigt.

Am Giebel des Primatialpalastes halten Engel die Buchstaben C und I – Clementia (Güte) und Iustitia (Gerechtigkeit), die Werte des Kardinals Batthyány, der auch Kaiserin Maria Theresia verehrte: starke Regentin über 40 Jahre, Mutter von 16 Kindern. Diese hat es als einzige Frau in das Bildnis für die Ewigkeit geschafft.

Oder die Kanonenkugeln von Napoleon, die in vielen Fassaden zu finden sind. Die konnten übrigens unmöglich von den Kanonen direkt stammen. Der Bürgermeister versprach damals allen Hausbesitzern eine Entschädigung, die einen Schaden vorweisen konnten. Und Schwups fanden sich viele Kugeln magischerweise in den Hauswänden. So schnell kann ein gut gemeintes Anreizsystem unbeabsichtigte Effekte haben. Passiert ja auch heute noch, nicht nur in der Politik, sondern auch in Firmen mit Incentive-Systemen 😉


Nachdenklich stimmen die fehlenden Zeitzeugen: Die Neologe Synagoge wurde 1969 von den Kommunisten abgerissen, um einer Autobahnbrücke Platz zu machen. Stattdessen steht an der Stelle ein Denkmal, dass sowohl an den Holocaust als auch an die Synagoge erinnert.
In der Stadt finden sich auch viele Stolpersteine, ein Andenken an die über 105 000 deportierten Juden, damit sie niemals vergessen werden.

Kuriositäten und Highlights:

  • Männeken Piss – acht Stück, besser als das Original in Brüssel.
  • Michaelstor – einst das westliche Eingangstor zur Stadt.
  • Martinsdom – Krönungsort ungarischer Könige.
  • Slowakisches Radio – ein Zeugnis sowjetischer Architektur.
  • Blaue Kirche (St. Elisabeth) – charmant und einzigartig.
  • Slowakische Nationaltheater – im Doppelpack: klassisch und modern.
  • Burg Bratislava – mit Schlossgarten und Museum.

Ein kleiner Schatz:
Bei der Restaurierung der Turmkapsel des Michaelstores wurden historische Dokumente und Münzen gefunden – ergänzt von heutigen Bürgern mit neuen Bürgermeisterlisten, Euro Münzen und slowakischem Weinverzeichnis. Was hätten wir wohl in der Schweiz hineingelegt?

Musikalischer Ausklang:
Während des Stadtfests entdecke ich neue Musik:

  • Made 2 Mate – Funk aus der Slowakei: Fönky Nalada
  • J.A.R. – tschechische Funk/Rock/Hip-Hop-Band mit Titeln wie Jesus Kristus Neexistus: Schade verstehe ich den Text nicht 😉

Learnings:

  • Auf einmal versteht man gar nichts mehr – selbst die Unterscheidung zwischen öffentlichem Gebäude und Museum ist nicht offensichtlich. Genau da beginnt die Entdeckungsreise 🙂
  • Lerne 3 Sätze in der Landessprache – es öffnet so viele Türen und gibt Sicherheit (Dobrý deň! (Guten Tag), Dovidenia! (Wiedersehen), Ďakujem! (Danke) (Link inkl. Aussprache)
  • Nutze organisierte Stadtführungen – selten so schnell ein Gefühl für die gesellschaftlichen Schwingungen erhalten, und bisher immer unglaublich gute Geschichtenerzählerinnen angetroffen

Bratislava: Schönheit, die sich nicht sofort offenbart – aber die Geduldigen reich belohnt.

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One Comment

  1. Sehr schönes altes Elektrogerät. Die Steckdosen sind mir wohl vertraut. Die bunten Lichtschalter waren damals bestimmt der Knaller. Wir hatten nur einfarbige.

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