Intermezzo 2 aus Riga – Walk in Fields of Gold, oder: Safe Place
„Will you stay with me, will you be my love, among the fields of barley?“
(Sting, Fields of Gold)
Diese Liedzeilen von Sting – verbunden mit den vielen ukrainischen Flaggen, den persönlichen Schicksalen und der Geschichte der Staaten, die sich Anfang der 90er-Jahre von der Sowjetunion losgelöst haben – gehen mir unter die Haut.
A Safe Place
Eine Ausstellung in der Lettischen Nationalbibliothek:
Ukrainische Illustrator:innen zeigen, wie sie sich einen „Safe Place“ vorstellen. Ihre Werke erzählen von Verzweiflung und Angst – aber auch von Hoffnung, tiefer Menschlichkeit und Durchhaltewillen. Kein Selbstmitleid. Keine Anklage. Nur gelebte Nächstenliebe.
„We are scared.“
Sagt die lettische Fremdenführerin, keine 30 Jahre alt.
„If Ukraine falls, we will be the next to get invaded by the crazy neighbours.“
Eine junge Nation spricht. Lettland hat bisher nur zwei Mal einen unabhängigen Staat erlebt – der heutige ist mit seinen 35 Jahren der älteste.
„Will you be my love, among the fields of barley?“
Die russische Community
Etwa 50 % der Bevölkerung Rigas sind russischer Abstammung. Einige sprechen ausschliesslich Russisch. Auch hier, wie in Litauen, wurde der Russisch-Unterricht in Schulen abgeschafft. Zu gross ist die Sorge vor parallelen Wirklichkeiten – gespeist durch Desinformation und Propaganda.
Es brauche mehr Zusammenhalt, mehr gemeinsames Verständnis.
Ein Aushang vor dem russischen Theater bringt es auf den Punkt:
„We are not a Theater of Russia. We are a Russian theatre.“
Ein Ausdruck kultureller Identität, unabhängig von Nationalität oder Politik. Und weiter: «We ask everyone not to fan the flames of suspicion, enmity and hatred in our common home – Latvia! Our theatre continues to work and talk about the most important things – about the values that unite people»
Ein Thema, von dem die jungen baltischen Staaten ein Lied singen können – ihre Sprache und Kultur haben lange nur im Verborgenen überlebt. Heute aber, so mein Eindruck, erstrahlen sie: mit Stolz, Rückgrat, Selbstbewusstsein.
Etwas, das wir in der Schweiz auf eigene Weise meistern. Auch wir handeln unsere Identität ständig neu aus. Oft werde ich gefragt, was die Schweiz ausmacht. Ich antworte dann: Eine Willensnation. Eine Kultur, die Verantwortung so weit wie möglich dezentralisiert, und somit jeden in die Pflicht nimmt. Ein Paradies in vielerlei Hinsicht – Infrastruktur, Bildung, Natur, Sicherheit.
Und gleichzeitig schwingt mit: Mind your own business.
Etiketten sind fehl am Platz
Da ist der vermutlich asiatisch-stämmige Kalifornier, der fassungslos den Kopf schüttelt, weil Trump weissen Südafrikanern Schutz in den USA gewähren will. Überhaupt sind die Amerikanischen Touristen maximal weit entfernt von «Make America Great Again». Themen wie diese diskutieren sie bestenfalls nach ein paar Gläsern Alkohol, wie sie gleich vorsorglich anbringen.
Oder der Australier, dessen Eltern Letten, die Grosseltern Russen waren – und der fünf Sprachen spricht: Spanisch, Französisch, Englisch, Deutsch und Russisch. Er setzt sich dafür ein, dass man differenziert: Nicht alle Russen sind gleich.
Grosse Taten – von „kleinen“ Menschen
„I never made promises lightly“ – vielleicht haben genau das viele gedacht, die Juden, Katholiken, Intellektuelle oder andere Verfolgte versteckten und ihnen halfen. Trotz Risiko und Angst.
„Born to be free“ – der Name des Fuchses, Symbol einer NGO, nein: Symbol von Menschen, die sich für ein Pelztierverbot starkgemacht hat. Zehn Jahre dauerte es, bis das lettische Parlament das entsprechende Gesetz verabschiedete. „We have built this monument with our own hands“, erzählt eine Frau stolz.
Free Shop – im Mockava-Quartier, einst selbst unter Einheimischen als gefährlich verschrien. Heute ein Ort der Hoffnung und der Menschlichkeit. Wir, frierend und nass, werden als privilegierte Touristen mit heissem Tee versorgt. Wer ist hier wirklich privilegiert?
«Born to be free», im Lastadija cultural quarter
Wärmender Tee im «Free Shop»
Erinnern und Verantwortung
Wir stehen am Mahnmal der Synagoge, die 1941 zerstört wurde – und mit ihr Menschenleben. Gleich daneben: ein Denkmal für die untergegangene jüdische Gemeinschaft – fallende Säulen als Symbol.
Und ein weiterer Name: Janis Lipke. Kein Oskar Schindler, wie ihn Hollywood kennt. Sondern ein einfacher Mechaniker. Kleinkrimineller. Schmuggler. Ein Mann, der seine Fähigkeiten nutzte, um mehr als 60 Menschen aus dem jüdischen Ghetto zu retten.
„The righteous among the nations“ – diesem Ausdruck begegne ich immer wieder. Er bezeichnet jene, die halfen, als andere wegsahen.
Wohl oft nicht aus Egoismus – sondern aus Angst um das eigene Leben, die Familie.
Aber es gab sie. Menschen, die sich im Alltag für Menschlichkeit entschieden.
Und genau das ist es, was der jungen Generation in Polen, Litauen, Lettland wichtig ist.
Sie glauben daran, dass jeder einen Unterschied machen kann. Dass die Zukunft gestaltbar ist.
Und ich?
Wie oft habe ich weggesehen?
Weil es bequemer war?
Weil es nicht um mich ging?
Weil ich keine Diskussion wollte – oder stillschweigend die Regeln akzeptierte, da ich keine «Macht» habe sie zu ändern?
Was mache ich mit dem Privileg, in der Schweiz geboren zu sein – mit Zugang zu Wissen, Geld, Demokratie?
Für wen – oder was – bin ich ein „Safe Place“?
Vielleicht verbinde ich mich gerade mit meiner zur Hälfte deutschen Wurzeln, die laut DNA-Test alles sind – nur nicht „germanisch“.
Das einzig Germanische in mir? Kommt aus Nidwalden. Dafür aber über Generationen hinweg 😊
Vielleicht ist der „Safe Place“ kein Ort, sondern eine Haltung
Ein sicherer Ort.
Einer, der sich aus Stärke heraus öffnet. Der nicht wegschaut. Der eine helfende Hand reicht.
Ein Raum für unterschiedliche Ansichten – und für das, was uns verbindet.
Ein Ort, an dem wir uns auf unser Menschsein besinnen. Auf die Würde jedes Lebewesens.
Ein Ort, der nicht auf alles eine Antwort kennt – und es auch nicht muss.
Ein Ort, in dem auch Verletzlichkeit ihren Platz hat.
Aber ebenso ein Ort, aus dem heraus wir handeln.
„Freedom is never more than one generation away from extinction.“
(Ronald Reagan)
Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit.
Das wird mir hier – auf dieser Reise – jeden Tag aufs Neue bewusst.
„Will you stay with me, will you be my love, among the fields of barley?“








