Auschwitz-Birkenau
Ich habe gezögert, ob ich über diesen Besuch einen Artikel schreiben soll. Erst ein Beitrag der ARD zum 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz hat mich schliesslich dazu bewegt.
Piotr Cywiński, der Leiter der Gedenkstätte, formulierte es so:
„Überlebende haben die Erinnerung über 80 Jahre lang getragen und weitergegeben. Jetzt müssen andere, anders übernehmen.“
Das Museum setzt zunehmend auf Social Media und digitale Angebote, um das Gedenken lebendig zu halten:
„Wer nicht persönlich anreisen kann, soll trotzdem über den Bildschirm erfahren können, was hier Menschen anderen Menschen angetan haben.“
Ein Ort des Grauens – und der Erinnerung
Auschwitz – war das grösste deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager während des Zweiten Weltkriegs. Seit 1947 ist es eine staatlich verwaltete Gedenkstätte, ursprünglich durch Überlebende initiiert.
Der Besuch führt durch zwei Lager:
- Auschwitz I (Stammlager)
Ursprünglich eine polnische Kaserne, ab 1940 von den Nationalsozialisten als Lager genutzt. Zunächst für polnische Intellektuelle und Kriegsgefangene, später auch für Jüdinnen und Juden. - Auschwitz II – Birkenau
Ab 1941 von Häftlingen erbaut, diente es nahezu ausschliesslich der systematischen Vernichtung. Die Fläche umfasst 175 Hektar – das entspricht etwa 245 Fussballfeldern.
Geschätzte Opferzahlen
Offizielle Quelle des Auschwitz-Museums
Insgesamt wurden ca. 1,1 Millionen Menschen in Auschwitz ermordet:
- etwa 1 Million Jüdinnen und Juden
- 70.000–75.000 Polinnen und Polen
- 21.000 Roma und Sinti
- 15.000 sowjetische Kriegsgefangene
- sowie politische Gefangene, Homosexuelle und weitere Opfergruppen
Eindrücke vom Besuch
Der Besuch der Gedenkstätte hinterlässt tiefe Spuren – nicht zwingend sofort, aber in der nachhaltigen Wirkung der Bilder und Geschichten. Das Bedürfnis, sich intensiver mit den Schicksalen auseinanderzusetzen, wächst mit etwas Abstand.
Während der Führung war ich stark mit dem Verarbeiten der Fakten beschäftigt. Unsere Guide vermittelte das Wissen mit grosser Kompetenz, eingebettet in historischen Kontext, klar differenziert: Was belegen Dokumente? Was stammt aus Zeitzeugenberichten? Wo gibt es noch offene Fragen? Ihre Sprache war beschreibend – nicht wertend.
Die nüchternen Fakten wurden durch Erzählungen von Überlebenden ergänzt. Dadurch entstand ein leiser Eindruck vom Alltag in diesem unmenschlichen System.
Zunächst verbrachten wir rund zwei Stunden in Auschwitz I, wo in den ehemaligen Baracken heute ein Museum verschiedene Aspekte des Lageralltags zeigt. Ausstellungsexponate wie Schuhe, Koffer oder abgeschnittenes Haar der Opfer machen greifbar, dass hinter jeder Zahl ein Mensch stand.
In Birkenau wird die Dimension der Vernichtung ungleich deutlicher. Weil hier weniger durchorganisierte Ausstellung stattfindet, hat dieser Ort auf mich eine noch tiefere emotionale Wirkung.
Barackenruinen bis zum Horizont. Und diese Schienenlinie, die durch das Empfangstor direkt ins Lager führt – sie verdeutlicht auf brutale Weise, mit welcher industriellen Effizienz der Mord organisiert wurde.
Weitere Quellen und Geschichten
- 🎥 Tova Friedmann – Holocaust-Überlebende erzählt
- 🎧 ARD-Beitrag: 80 Jahre Befreiung von Auschwitz
- 🌐 Virtuelle Tour durch Auschwitz
Erinnerung ist nicht selbstverständlich. Sie muss aktiv gepflegt werden – auch von jenen, die nicht selbst betroffen waren. Eine Studie aus Deutschland zeigte kürzlich, dass jeder zehnte Jugendliche nicht mehr weiss, was der Holocaust ist (in Frankreich waren es sogar 46% der Befragten).
Der Besuch von Auschwitz-Birkenau ist eine Konfrontation mit einem industriell organisierten Verbrechen. Er hinterlässt keine schnellen Antworten, aber viele Fragen – und eine Verantwortung, genau hinzuschauen, wenn Menschenwürde in Frage gestellt wird.





